Die Briefmarken des Sudetenlands

Einer der schönsten Landstriche Mitteleuropas ist das Sudetenland. Namensgeber sind die Sudeten, die sich in mehrere Teilgebirge ca. 330 Km vom Elbsandsteingebirge bis zur Mährischen Pforte ziehen. Deutschland, Polen und Tschechien teilen sich heute dieses schöne Gebiet.

Der Name Sudeten wurde von der Bezeichnung "Sudetayle" (dt. Wildschweinberge) abgeleitet, die der griechische Geograph Claudius Ptolemäus im Jahre 150 verwendete.

In ethnischer Hinsicht war das Sudetenland ein Sammelbegriff für die Gebiete Böhmens, Mährens und Tschechisch Schlesiens, in denen Einwohner deutscher Nation und Muttersprache lebten. Das Siedlungsgebiet der Sudetendeutschen umfasste also nicht nur das Sudetengebirge, sondern das gesamte Grenzgebiet der Tschechoslowakei zum Deutschen Reich und zu Österreich.

Um die Entstehungsgeschichte dieser Postwertzeichen, den Zeitgeist und die seinerzeitige enthusiastische Stimmung im deutschsprachigen Sudetenland verstehen zu können, ist es sinnvoll, die Vorgeschichte zu betrachten:

Historie

Bis ins Mittelalter war dieses Gebiet dünn besiedelt, nahezu menschenleer. Im 12. Jahrhundert holten die bömischen Könige (sie waren gleichzeitig Kurfürsten des heiligen römischen Reiches deutscher Nationen) deutsche Bauern und Siedler, um dieses Gebiet urbar zu machen. Es entstanden deutschsprachige Gebiete, in denen deutsche Kultur und Brauchtum gepflegt wurde. Über Jahrhunderte hinweg folgte ein friedliches Miteinander beider Kulturen.

Mit Ende des I. Weltkrieges und Auflösung des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn im November 1918 schloss sich dieses Gebiet der neu gegründeten Republik Deutsch-Österreich an. Am 12. Nov. 1918 verkündete die Nationalversammlung in Wien den Anschluß an die Deutsche Republik. Somit wurde das Sudetenland bereits 1918 Bestandteil der deutschen Republik -wenn auch nur für kurze Zeit. Die Besetzung des Landes durch tschechische Truppen Mitte November 1918 -also noch vor dem Beginn der Pariser Friedenskonferenz- verhinderte die volle Etablierung der deutsch-österreichischen Verwaltung. Das hochindustriealisierte deutsche Randgebiet enthielt große Teile der Wirtschaftskraft der ehemaligen österreichischen Monarchie. Dieser Reichtum war verlockend. Deshalb schufen die Herren Dr. Masaryk und Benesch mit der Okkupation "vollendete Tatsachen". Durch den Friedensvertrag von Saint-Germain wurde das Gebiet schließlich im Sept. 1919 der neu gegründeten Tschechoslowakei zugeschlagen. Dies geschah gegen den Willen der deutschsprachigen Bevölkerung. Eine Volksabstimmung nach den Grundsätzen von US-Präsident Wilson über das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" wurde verweigert. Die aufkommende Tschechisierung und Deklassierung der Deutschen machte ein friedliches Zusammenleben immer schwieriger. Die Bodenreform vom 15.10.1919 (Enteignung von 30% der Flächen des Sudetenlandes und Neuzuteilung zu 94% an Tschechen) und das Sprachengesetz vom 19.2.1920 (alle Staatsbediensteten, Lehrer, Postbeamte etc. mussten die tschechische Sprache beherrschen; zahlreiche Entlassungen waren die Folge. Und wer die Prüfung bestand, wurde versetzt!) verschärften die Lage. Deutschsprachige Städte mit ausschließlich tschechischen Beamten, das konnte nicht gutgehen.

Diese Diskriminierung förderte die nationale Sammlungsbewegung um Konrad Henlein. Die Sudetendeutsche Partei (SdP) ging aus den Parlamentswahlen 1935 als stimmenstärkste Partei hervor. Dennoch wurde die SdP weder zur Regierungsbildung aufgefordert noch an ihr beteiligt. Die Sudetendeutschen hatten einmal mehr den Eindruck, eine Volksgruppe minderen Rechts zu sein. Dennoch war dieser Wahlerfolg nicht vergebens. Die Welt horchte auf. Wie konnte es sein, dass in diesem neuen Gebilde, in dem es angeblich nur eine Minderheit Deutscher gab, plötzlich eine volksdeutsche Partei stärkste Partei des Landes wurde? Da konnnte etwas nicht stimmen. Es wurden Vergleiche gezogen. Spätestens jetzt erkannte die Weltöffentlichkeit, was es bedeutet, wenn in diesem neu gegründeten Konstrukt mehr Deutsche leben, als andere europäische Staaten Einwohner haben (Die Volksgruppe der Sudetendeutschen entsprach in etwa der Bevölkerung Dänemarks in dieser Zeit). Dies musste zwangsläufig zu einem Staat im Staate führen.

Konrad Henlein ging es zunächst nur um die Gleichberechtigung der Volksgruppen innerhalb der Tschechoslowakei. Als er erkannte, dass die SdP trotz überwältigendem Wahlerfolg politisch nichts bewegen konnte, orientierte sich die SdP zunehmend an Hitler und der erstarkenden NSDAP (Vergleiche hierzu: den Aufruf Konrad Henleins zur "Sudetendeutschen Heimatfront" am 1.10.33 in Eger und das "Karlsbader Programm der SdP am 24.4.38).


Für Hitlers Absicht der territorialen Expansion im Osten war es von zentraler Bedeutung, die Tschechosolwakei unter Kontrolle zu bringen. Die ständigen Nationalitätenkonflikte und Benachteiligungen der Sudetendeutschen nutzte Hitler geschickt für seine eigenen Pläne. Am 28. März 1938 traf Hitler Konrad Henlein und wies diesen an, Prag mit unerfüllbaren Forderungen zu konfrontieren, immer wieder nachzulegen und die innenpolitsche Krise anzuheizen.

Die wunschgemäße Zuspitzung der Krise nahm Hitler zum Anlass, die Abtretung des Sudetengebietes an das Deutsche Reich zu fordern. Am 20.Mai 1938 machte die Tschechoslowakei in der Erwartung eines deutschen Angriffs mobil. Nur das energische Auftreten Großbritanniens und Frankreichs wendete einen Krieg ab. Am 30. Mai 1938 ließ Hitler die Wehrmacht für den 1. Okt. 1938 in Bereitschaft setzen. Gleichzeitig lief ein enormer Propagandafeldzug an. Der Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker sollte den legalen Anstrich geben.

 

 


Reichsparteitag 12.9.1938 in Nürnberg

Nach der Rede Hitlers auf dem Reichsparteitag in Nürnberg am 12.9.38, in der er ankündigte, dass er eine weiter Unterdrückung der Sudetendeutschen nicht dulden werde und das Selbstbestimmungsrecht für diese forderte, kam es in zahlreichen Städten Böhmens zu Freudenkundgebungen und Zwischenfällen. Die Verhängung des Standrechts in 13 sudetendeutschen Bezirken und das Verbot der SdP am 16.9.1938 waren die Folge.

Parallel zu diesen Ereignissen entsandte Anfang August die britische Regierung Lord Runciman als Beobachter in die umstrittenen Gebiete, um die Lebensbedingungen und die Stimmung der Bevölkerung vor Ort zu sondieren.. Anfang September 1938 empfahl Lord Runciman in seinem Bericht nach London den Anschluß des Sudetenlandes an das Deutsche Reich. Kaum bekannt ist, dass auch die französische Regierung mit Herrn Prof. Brunet einen Beobachter nach Prag entsandt hatten. Allerdings kam Prof. Brunet im September 1938 über erste Antrittsbesuche nicht hinaus, da sich die Ereignisse zwischenzeitlich überschlugen.

Am 19. Sept. 1938 drängte Chamberlein und der französische Außenminister Daladier nachdrücklich Prag zur Abtretung aller Gebiete mit mehr als 50% deutscher Bevölkerung, um einen anstehenden Krieg zu verhindern. Prag lehnte entschieden ab. Am 21.9. erklärten die Gesandten Englands und Frankreichs in Prag, falls die Antwort der Tschechen weiterhin negativ bleibe, und es zu einem Krieg käme, würden sie sich daran nicht beteiligen. Benesch fühlte sich isoliert und gab seine Zustimmung in einer Note an England und Frankreich unter Vorbehalt.

Am 27.9.38 befahl Hitler die Mobilisierung der Westdivision. Am gleichen Tag beschlagnahmten die Tschechen in den Sudetengebieten alle Rundfunkempfänger, 20.000 Sudetendeutsche wurden als Geiseln festgenommen, über 200 Brücken zerstört, Eisenbahnstrecken unbefahrbar gemacht, Tunnel gesprengt und weitere Verteidigungsstellungen gebaut. Die Sudetenlandkrise hatte ihren Höhepunkt erreicht. In der Bevölkerung kochten die Emotionen hoch. Es fehlte nur der kleine Tropfen, der bekanntlich das Fass zum Überlaufen bringt. In der Angst und psychologischen Extremsituation in der sich die Bevölkerung befand, lag die Ursache für die später enthusiastischen Ausrufe "wir sind frei!".


Um den drohenden Krieg zu verhindern, traten am 29.9.38 Chamberlein, Daladier, Mussolini und Hitler in München (Münchener Abkommen) zusammen. Die Tschechen warteten im Vorraum. Die Sudetendeutschen, um deren Schicksal es ging, waren nicht dabei.

Konferenz vom 29.09.1938 (Münchener Abkommen)


Ausgangspunkt der Konferenz waren der Beschluss der britischen und der französischen Regierung über die Abtretung der Sudetengebiete und die Annahme des Vorschlags durch die tschechische Regierung am 21.9.38. Zur Verhandlung standen nur noch die Modalitäten der Durchführung. Noch vor Mitternacht wurde das Kommunique ausgegeben. Am 1. Okt. sollte die Übergabe der Sudetengebiete etappenweise beginnen und bis 10. Okt. abgeschlossen sein. Erwähnenswert ist noch, dass das Gebiet um Asch und der Rumburger Bezirk bereits am 21.9.38 - mit mehr oder weniger nachhelfender Gewalt - von den tschechischen Beamten geräumt wurde. Auch hier wurden Fakten geschaffen, diesmal vom Freikorps der SdP. Dieser Zustand wurde erst nachträglich durch das Münchener Abkommen am 29.9.38 legalisiert. So wurde der "Reichsgau Sudetenland" mit 3,2 Mio. Sudetendeutschen unter dem Reichskommissar Konrad Henlein geschaffen.

 

Reichsgau Sudetenland

Mit dem Abzug der tschechischen Truppen, Verwaltungsbehörden und Postbeamten wurden auch alle Wertgegenstände, Briefmarken, teilweise auch Stempel mitgenommen. Der Postverkehr musste jedoch aufrecht erhalten bleiben. Deutsche Marken konnten noch nicht eingesetzt werden, da die Reichspost nach dem Münchener Abkommen noch nicht zuständig war. Für wenige Tage war das Sudetenland völkerrechtlich sogenanntes Niemandsland und staatenrechtlich ein autonomes Staatengebilde. So übernahm die SdP als Exekutive und derzeit einziger Hoheitsträger die Initiative. Eiligst wurden Markenrestbestände aus Fabriken, Tabakgeschäften und von privater Seite zusammengetragen und mit Befreiungsüberdrucken versehen. In den Befreiungsüberdrucken kam die überschwengliche Freude und Dankbarkeit zum Ausdruck, dass die Krise friedlich und ohne großes Blutvergiesen beendet wurde, vor allem aber auch die Freude über die vermeintlich neu gewonnene Freiheit.

 


Einzug der deutschen Wehrmacht

Der begeisternde Empfang spiegelt die enthusiastische Stimmung der deutschstämmigen Bevölkerung in dieser Zeit wieder.


Sudetendeutsches Freikorps der SdP

Die SdP war einzige Exekutive und Hoheitsträger in der Interimszeit bis die deutschen Verwaltungsbehörden ihre Geschäfte aufnehmen konnten.

Diese Sudetenlandmarken sind wichtige Zeitdokumente. Sie dienen der historisch-wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser bewegten Zeit. Bei den hier aufgeführten Briefmarken handelt es sich ausschießlich um amtliche (von der SdP legitimierte) Ausgaben, die von privaten Erinnerungsdrucken (postalisch unbedeutend) streng zu unterscheiden sind. Amtliche Ausgaben gibt es von: Asch, Karlsbad, Konstantinsbad, Niklasdorf, Reichenberg-Maffersdorf und Rumburg.

Da diese amtlichen Ausgaben nur wenige Tage (je nach Gebiet vom 21.9.38 - 19.10.38) Gültigkeit hatten und nur vorgefundene geringe Restbestände überdruckt wurden, kam es zu teilweise sehr geringen Auflagezahlen. Amtliche Sudetenlandmarken gehören zu den größten Seltenheiten der Philatelie. Abarten wie "Kopfsteher" oder "vertauschte Aufdruckfarben" kommen sehr selten vor und belegen trotz großer Eile in der Herstellung eine sehr gewissenhafte Ausführung. Diese Besonderheiten zählen zu den größten Raritäten. Aber auch portogerecht frankierte, echt gelaufene Belege aus dieser Zeit sind sehr gesucht.

Die Auflagen konnten anhand der Druckereiaufträge (beim Überdruck im Buchdruckverfahren) und anhand von Abgabelisten der Poststellen (bei Überdrucke mit Handstempeln) ermittelt werden. Die ursprünglichen Auflagen sind dem Handbuch "Die Postwertzeichen des Sudetenlandes" von Dr. J. Hugo Hörr entnommen und beziehen sich immer auf die Erstausgabe ohne Besonderheiten.. "Kopfsteher", "vertauschte Aufdruckfarben" oder gar "verwechselte Aufdrucktypen" sind extrem rar. Nach dem Krieg mussten alle vorhandenen Bestände in der Tschechoslowakei unter Strafandrohung zur Vernichtung abgegeben werden. Auch bei der Heimatvertreibung wagte kein Flüchtling diese Befreiungssymbole mitzunehmen, dies wäre seinerzeit lebensgefährlich gewesen. Von den ursprünglich geringen Auflagen dürfte nur noch ein Bruchteil existieren. Wieviele den Krieg wohlbehalten überstanden haben, lässt sich nur noch erahnen. Vorhandene Exemplare resultieren aus der Bedarfspost, die in dieser kurzen Interimszeit in alle Welt versandt wurde oder wurden als Souvenier von stationierten Soldaten ins Altreich mitgebracht. Der Hauptteil dieser Marken wurde sofort aufgebraucht, entweder durch Bedarfspost oder als Sammlerbeleg, um sich die historischen Befreiungsstempel zu sichern. Ungebrauchte Stücke sind seltener und tragen meist - wie damals gesammelt - Falz.

Nachfolgend sehen Sie einige Exponate aus dieser bewegten Zeit. Die Briefmarken sind nach den amtlichen Ausgabeorten gegliedert.

Über Anregungen oder Kontaktaufnahme durch Sammler dieses faszinierenden Gebietes würde ich mich sehr freuen.

 

Impressum:

Gerhard Späth

email: gerhard.spaeth@gmx.net

homepage: http://sudetenphilatelie.piranho.com